Papierkrise: „Es gibt zarte Hinweise auf…

Papierkrise: „Es gibt zarte Hinweise auf Entspannung“

Thomas Hügle ist seit Jahrzehnten im Papiergeschäft tätig. Der erfahrene Geschäftsführer des Einkaufsdienstleisters Paperconnect zu Ursachen der kritischen Versorgungslage auf dem globalen Markt, zur Rolle der deutschen Player und den Aussichten auf Besserung.

Herr Hügle, haben Sie eine solche Situation schon mal erlebt?
Thomas Hügle: Ja, das gab es in ähnlicher Form mal vor ein paar Jahrzehnten und betraf den Rollenoffsetmarkt. Auch damals waren kundenspezifische Mengenzuteilungen aus Kontingenten zu beobachten. Ähnlich wie heute wurde diese Phase von drastischen Papierpreiserhöhungen begleitet.

Schwenken wir zu heute – wie ist der aktuelle Stand?
Hügle: Kritisch, die aktuelle Situation sorgt bei Druckereien und bei den Kunden für Verunsicherung, da Preis und Lieferzeiten derzeit kaum planbar sind. Hinzu kommen Sondereffekte. So hat der Präsident der Intergraf, Brüssel – der Verband der europäischen Druckindustrie – sich jüngst zur dramatischen Situation gemeldet und fordert den finnischen Hersteller von Zellstoff und Papier UPM dazu auf, den aktuellen Streik in Finnland zu beenden.

Aber dieser Streik ist nicht die Ursache der Versorgungskrise?
Hügle: Nein, keineswegs. Er ist eher das berühmte Öl, das jetzt noch zusätzlich ins Feuer gegossen wird. Prinzipiell ist die Krise damit zu erklären, dass enorme Mengen aus dem Markt genommen wurden.

Wie ist also die Eskalation zu erklären?
Hügle: Ich starte mit einer Gegenfrage. Zeigen Sie mir die Druckbetriebe, die aufgrund des nachpandemischen Wirtschaftswachstums eine so große Nachfrage nach Drucksachen verspüren, dass europäische Papierfabriken nicht mehr hinterherkommen, dafür das Papier herzustellen und zu liefern. Ich kenne keine einzige Druckerei, die das unterschreiben würde. Klar fehlen Konsumpapiermaschinen, die man aus dem Markt genommen hat. Allein durch Oulo von StoraEnso sind dies 1,1 Millionen Tonnen holzfrei gestrichene Formatpapiere, die jetzt nicht mehr verfügbar sind.

Aber das war auch schon 2020 der Fall. Was ist also geschehen?
Hügle: Die europäische Papierindustrie hat in 2021(1-11) ihre Exporte nach Übersee um satte 24,5 Prozent bei holzfreien gestrichenen Papieren erhöht. Hier sind ca. 850.000 Tonnen zusätzlich vom hiesigen Kontinent verschwunden. Bei holzfreien Naturpapieren sind dies knapp 80.000 Tonnen. Gleichzeitig wird der europäische Markt kaum noch von Übersee beliefert, da dies wegen Einfuhrbeschränkungen für z.B. asiatische Hersteller wirtschaftlich uninteressant ist.

Ist in diesem Bereich die Schraube zu finden, an der gedreht werden müsste?
Hügle: Es wäre sinnvoll, mittelfristig genau hier etwas zu ändern. Und zwar was den Import wie auch den Export angeht. Europäische Papierhersteller sollten sich ihrer europäischen Branchenverantwortung gegenüber der hiesigen Druckindustrie bewusst werden. Keiner missgönnt der Papierindustrie einen wirtschaftlichen Erfolg, aber diese stiefmütterliche Behandlung gegenüber einer ganzen Branche ist ein No Go. Bei Preissteigerungen von teilweise über 60 Prozent darf die Branche gespannt sein auf die ersten Quartalszahlen der jeweiligen Unternehmen.

Welche Verantwortung hat der Papiergroßhandel?
Hügle: Der deutsche Papiergroßhandel hat dieses Marktdesaster nicht mitverschuldet. Im Gegenteil: Was der deutsche Papiergroßhandel zurzeit leistet ist phänomenal und zeigt einmal mehr, welch wichtiges Versorgungsglied diese Unternehmen innerhalb der Lieferkette darstellt. Das ist insbesondere in Deutschland traditionell so. Aber auch der größte Papiergroßhändler mit dem größten Papierlager ist schlichtweg logistisch nicht in der Lage, die Mengen, die Papierfabriken bislang direkt an Druckbetriebe geliefert haben, zusätzlich aus ihren Lagern zu bedienen. Bei diesen sogenannten Streckengeschäften versucht der Papiergroßhandel, alles was geht möglich zu machen. Dies ist eine enorme Kraftanstrengung und führt auch im Papiergroßhandel zu Bestandsmangel und Lieferschwierigkeiten bis hin zur ungewohnt schlechten telefonischen Erreichbarkeit. Verschärft wird diese Situation noch durch von Herstellern definierte und stark eingeschränkte Mengenkontingente gegenüber dem Papiergroßhandel, die für den Händler wie eine zusätzliche Bandage wirken.

Wird das auch wieder besser?
Hügle: Das muss und das wird sich alles wieder bessern. Die Frage ist nur, in welchem Zeitfenster. Hier richtet sich die Hoffnung klar auf den Sommer 2022. Im Frühjahr werden eher keine Verbesserungen eintreten, da zusätzliche Brisanz durch einige Papiermaschinenausfälle wegen Wartungsstillständen entsteht. Aber es gibt auch zarte Hinweise auf Entspannung. Der typische Hamstereffekt von Papier wird spürbar weniger, erste Lots werden verschoben oder gar storniert. Wir sind vorsichtig optimistisch, dass das 2. Halbjahr 2022 wieder etwas mehr der dringend benötigten Planbarkeit zurückbringt. Andererseits bleibt abzuwarten, welche wirtschaftlichen Folgen der Krieg nach sich zieht.

Haben Sie eine Empfehlung an die Druckbetriebe?
Hügle: Seit vielen Jahren besteht für Druckbetriebe hier Handlungsbedarf. Wir empfehlen dringend, das Thema Papiereinkauf ab einer gewissen Größe des Einkaufsvolumens nicht nur als Tagesgeschäft zu sehen, sondern vor allem auch als unternehmensstrategischen Faktor. Zum einen wird hier sehr viel Geld bewegt, zum anderen ist der Papiermarkt mit einem klassischen Oligopol besetzt, dessen Marktmacht und Verhandlungsdominanz aktuell zu Tage tritt. Hier sollten Druckbetriebe gegensteuern und die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, um die eigene Position im Beschaffungsmarkt zu stärken.


Paperconnect betreibt das größte Einkaufsnetzwerk am Papiermarkt und wirkt bei seinen Kunden mit seinen Leistungen einkaufsunterstützend im Papiereinkauf und der Altpapierentsorgung.
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