Oliver Curdt: "Wir brauchen mehr Raum für Unternehmertum."
Die Bundesbank informiert in ihrem Monatsbericht Juli 2026 über Ursachen und Wirkung von Bürokratielasten. Die Zahlen lassen aufhorchen: Die Bürokratiekosten der Unternehmen in Deutschland sind zwischen 2022 und 2024 von durchschnittlich rund fünf auf etwa sieben Prozent des Jahresumsatzes gestiegen. Besonders stark belastet sind kleine und mittlere Unternehmen. Diese Zahlen bestätigen, was ich von unseren Mitgliedsunternehmen seit Jahren höre: Bürokratie wird zunehmend zu einem echten Standort- und Wettbewerbsnachteil.
Gerade in der Druck- und Medienbranche erleben wir diese Entwicklung sehr konkret. Unsere Unternehmen sind überwiegend mittelständisch geprägt und befinden sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Wandel. Sie investieren in Digitalisierung, Automatisierung, Nachhaltigkeit und neue Geschäftsmodelle. Sie suchen neue Märkte, entwickeln ihre Prozesse weiter und stellen sich dem internationalen Wettbewerb.
Kurz gesagt: Sie unternehmen etwas.
Und genau dafür brauchen sie Zeit, Energie und finanziellen Spielraum.
Stattdessen wächst die regulatorische Belastung weiter. EUDR, PPWR, die EU-Beschränkung von Mikroplastik und zahlreiche weitere europäische und nationale Vorgaben bringen neue Dokumentations-, Nachweis- und Informationspflichten mit sich. Jede einzelne Regelung mag für sich begründbar sein. Das Problem ist einerseits die Summe und andererseits leider oft die fehlende praxistaugliche Umsetzbarkeit!
Für einen mittelständischen Betrieb bedeutet eine neue Regulierung eben nicht nur einen zusätzlichen Paragrafen. Sie bedeutet neue Prozesse, IT-Anpassungen, Schulungen, Dokumentation und häufig zusätzliche personelle oder externe Ressourcen. Ganz zu schweigen davon, dass viele geforderte Informationen gar nicht verfügbar und damit auch nicht vorhanden sind. Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier oftmals nur am grünen Tisch entschieden wird. Die Bundesbank bestätigt, dass gerade kleinere Unternehmen überproportional belastet werden, weil viele regulatorische Pflichten unabhängig von der Unternehmensgröße einen erheblichen Fixaufwand verursachen.
Das verbraucht Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen. Auch in den Kontrollinstanzen!
Mir geht es dabei ausdrücklich nicht darum, sinnvolle Umwelt-, Sozial- oder Verbraucherschutzstandards infrage zu stellen. Unsere Unternehmen wollen nachhaltiger wirtschaften und sie investieren längst in entsprechende Lösungen. Aber Regulierung muss verhältnismäßig, verständlich und praktisch umsetzbar sein.
Was wir derzeit erleben, ist häufig das Gegenteil: Auf eine Regelung folgt die nächste, aus Brüssel ebenso wie aus Berlin. Und nicht selten werden europäische Vorgaben national noch weiter verschärft.
Der politische Wille zum Bürokratieabbau ist wichtig. Entscheidend ist aber, was davon tatsächlich in den Betrieben ankommt.
Aus meiner Sicht braucht es einige klare Grundsätze:
1. Bürokratieabbau muss messbar werden.
Es darf nicht reichen, neue Entlastungspakete anzukündigen, während gleichzeitig neue Pflichten entstehen. Für neue Regulierung muss gelten: Was kommt hinzu – und was fällt dafür weg?
2. Schluss mit Gold-Plating.
Wenn europäische Vorgaben umgesetzt werden müssen, sollte Deutschland nicht noch eigene zusätzliche Anforderungen daraufsetzen. Gerade im internationalen Wettbewerb können nationale Sonderwege für unsere Unternehmen zum Nachteil werden.
3. Bestehende Berichtspflichten und Nachweise gehören auf den Prüfstand.
Nicht alles, was irgendwann einmal eingeführt wurde, ist heute noch notwendig. Was keinen klaren Nutzen mehr hat, muss abgeschafft werden.
4. Der Mittelstand muss bei neuer Regulierung wirklich mitgedacht werden.
Eine Regelung darf nicht allein danach beurteilt werden, ob sie theoretisch erfüllbar ist. Die entscheidende Frage lautet: Kann ein mittelständischer Betrieb sie mit vertretbarem Aufwand umsetzen?
5. Die Verwaltung muss endlich konsequent digital werden.
Unternehmen brauchen einfache, schnelle und medienbruchfreie Verfahren. Informationen müssen einmal übermittelt werden können – und nicht mehrfach an unterschiedliche Behörden und Stellen.
Die Druck- und Medienbranche steht beispielhaft für eine Wirtschaft, die Transformation nicht nur fordert, sondern längst praktiziert. Unsere Unternehmen haben in den vergangenen Jahren enorme Veränderungen bewältigt. Sie haben neue Technologien eingeführt, Prozesse automatisiert, Geschäftsmodelle verändert und in Nachhaltigkeit investiert.
Die Bereitschaft, die Zukunft zu gestalten, ist da. Was zunehmend fehlt, ist der Spielraum dafür.
Die Unternehmen brauchen jetzt keine weiteren Lippenbekenntnisse. Sie brauchen spürbare Entlastung. Denn gerade jetzt, wo unsere Wirtschaft vor enormen strukturellen Herausforderungen steht, können wir es uns nicht leisten, unternehmerische Energie durch immer neue Bürokratie zu binden.
Unsere Unternehmen wollen etwas unternehmen. Lassen wir sie das auch tun.
Quelle der Kennzahlen: Deutsche Bundesbank, Monatsbericht Juli 2026, „Bürokratielasten im deutschen Unternehmenssektor: Ursachen und Wirkungen“, veröffentlicht am 28. Juli 2026. Die Analyse basiert auf einer Befragung von rund 7.000 Unternehmen. (Bundesbank Publikationen)
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